Arbeitmacht immer noch frei

Man hat oft, wenn man seinen Weg, seine Berufung oder eine Arbeit (bei der man sich wohl fühlt) sucht, ein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken daran, privat (viel) Zeit mit etwas zu verbringen, das einem Spaß macht oder etwas zu lernen/üben, das man gerne (besser) können würde. Es ist ja "nur privat", "nur Freizeitbeschäftigung", es bringt ja kein Geld ein und keine "Sicherheit".

Minimal weniger schreckt man in manchen Fällen noch vor Tätigkeiten zurück, von denen man sich zumindest vorstellen kann, sie irgendwann mal monetarisieren zu können. Denn ohne Geld geht ja nichts. Miete, Nebenkosten, Nahrung, etc. ...ohne Moos nix los. Wir brauchen das Geld ja, drum ist Geld das Wichtigste. Okay, vielleicht nicht das Wichtigste, aber eine finanzielle Grundsicherung ist schon verdammt wichtig und hat höchste Priorität. Auf der Straße und mit ständig leerem Magen lässt sich die berufliche oder allgemeine Erfüllung sicher nicht leichter finden.

Also steht ein Job, mit dem sich wenigstens die materiellen Grundbedürfnisse finanzieren lassen, an erster Stelle.

Erträglich sollte er aber schon sein, wenn nicht sogar "voll okay", denn wir wissen ja nicht, wie lange wir es mit ihm (h)aushalten müssen...
Wenn dieser ganz passable Job zur reinen Geldbeschaffung save ist, dann können wir uns unserer Freizeit und der Suche nach unserer beruflichen und/oder privaten Selbstfindung widmen. Und wenn wir es erst zu Routine werden lassen konnten, das parallel zu unseren privaten Pflichten (Mist, die Wäsche ist immer noch nicht gemacht und das Geschirr stapelt sich ja auch schon wieder!) anzugehen, dann können wir uns vielleicht auch mal den Luxus erlauben, irgendwelchen Hobbys nachzugehen.

Also: Computer anschalten, Zeitung durchblättern, Job suchen!

Wieder nichts dabei. Einer käme vielleicht in Frage...klingt zwar eigentlich so gar nicht nach etwas, wo ich reinpasse...aber hey, ist ja nur für den Übergang, zur Grundsicherung, bis ich weiß, was ich wirklich tun will. So schlimm wird’s ja nicht sein und als kurzweilige Notlösung reicht's allemal.

Also los, bewerben!

Bewerbungen schreiben....ich liebe es....irgendeinem Phantom erzählen, dass ich von unzähligen Bewerbern der Beste für den Job bin, weil ich mich selbst ultrageil finde. Wie meine bisherigen Arbeitgeber natürlich auch...was sie mir selbstverständlich auch stets gezeigt haben...deswegen suche ich auch grade 'nen Job...langweilig, wenn die eigene Potentialentfaltung immer nur von denselben Personen geschätzt und unterstützt wird. Ja, genau....
Also, lieber mir unbekannter Mensch aus einer mir unbekannten Firma, nimm mich, ich bin toll! Ach nein, so unbekannt ist die Firma mir ja gar nicht! Auf ihrer Homepage habe ich mich natürlich umfassend informiert: Mitarbeiterzahl, Branche, Geschichte und die allgemeinen Anforderungen an die zu besetzende Position kenne ich ja jetzt bereits. Und ich weiß sogar, dass der Geschäftsführer bei den gestellten Portraitfotos kein Photoshop auf seine vergilbten Zähne anwendet. Zusammen mit der überzeugend positiven Selbstdarstellung des Betriebes ist das doch alles, was man wissen muss! Und genau wegen diesen Faktoren will ich genau in Deiner Firma arbeiten, lieber Phantompersonaler, und nur in Deiner!!! Genau wie in den anderen 35 Betrieben, auf deren Rückmeldung ich seit zweieinhalb Monaten warte, auch.

Natürlich kann ich Dir, lieber Sachbarerbeiter, auch genau so konkret erzählen, warum ich exakt zu der ausgeschriebenen Stelle passe, wie selbige in der Anzeige erklärt ist. Wenn ich jetzt noch wüsste, ob Du eher auf selbstbewusst-kreativ-originell stehst, oder eher auf seriös-konventionell-anpassungsfähig, dann wüsste ich auch, wie ich mein Anschreiben-Märchen textlich gestalte. Aber nachdem ich letztendlich vielleicht eh verloren habe, weil Dir meine Frisur auf dem überteuerten Lichtbild, das leider nach einem überraschenden Regenschauer gemacht wurde, nicht gefällt, bist Du da ja sicher nicht so kleinlich. Also versuch' ich's mal mit 'ner Mischung aus beiden Varianten, falls Dir meine Schulnoten aus depressiven Teeny-Zeiten noch nicht gezeigt haben, dass es ein Fehler wäre, mich abzulehnen.

So, Bewerbung abgeschickt. Gut.

Ein kurzes Gefühl von Erleichterung steigt auf, bevor es von den üblichen Zweifeln an der Bewerbung, meiner Qualifikation, dem Job, der Firma und letztendlich an mir selbst und meinem ganzen Leben überschwemmt wird. Und wieder fühle ich mich beschissen. Jetzt erst mal erholen, einen trinken, ablenken! Hoffentlich krieg' ich diesen scheiß Notlösungsjob!

...Fortsetzung folgt...

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